Rezensionen

“Der Zauber der verlorenen Dinge” von Moïra Fowley-Doyle

In einer stürmischen Sommernacht beginnen Olive und ihre beste Freundin Rose plötzlich Dinge zu verlieren. Es beginnt mit einfachen Dingen wie Haarspangen und Schmuck, aber bald wird klar, dass Rose etwas viel Bedeutenderes verloren hat – über das sie nicht redet. Dann trifft Olive drei mysteriöse Fremde: Ivy, Hazel und Rowan. Wie Rose haben sie einen Verlust zu beklagen und ein Geheimnis zu verbergen. Als sie ein altes Notizbuch mit Zaubersprüchen entdecken, meinen sie, damit alles wieder in Ordnung bringen zu können. Stattdessen entdecken sie Geheimnisse, die nie entdeckt werden sollten …


Triggerwarnung
Thematisierung von sexualisierter Gewalt, Alkoholismus

MEINE GEDANKEN

Ich habe mich sehr gefreut, als ich gesehen habe, dass dieses Buch eine deutsche Ausgabe bekommen wird, denn der deutsche Jugendbuchmarkt bietet viel zu wenig Bücher mit queeren Held.innen an. “Der Zauber der verlorenen Dinge” ist eine unheimliche Mysterygeschichte, die gleich drei queere Mädchen in den Hauptrollen mitbringt: Ich-Erzählerin Olive und ihre beste Freundin Rose sind bi, während Hazel, eine weitere Ich-Erzählerin, lesbisch ist. Yay dafür! Ich habe den Roman deshalb dann auch nochmal gelesen, um ihn jetzt rezensieren zu können.

Ich sage es gleich vorweg: “Der Zauber der verlorenen Dinge” ist kein schlechtes Buch. Ich finde den Roman auf jeden Fall lesenswert – für die gute Repräsentation, für den schönen Schreibstil, für die ungewöhnliche Idee rund um ein altes Zauberbuch, das aus dem Nichts auftaucht. Der Roman ist aber eben einfach auch nicht so richtig gut. Ich finde es schwer, ihn in die Richtung zu bewerten, weil mir einiges sehr gut gefallen hat, anderes dafür gar nicht und manches nur so mittel. Aber fangen wir mit dem an, was ich mochte.

UNHEIMLICH GRUSELIG UND UNHEIMLICH SCHÖN

Das Setting ist toll. “Der Zauber der verlorenen Dinge” spielt in einer kleinen Stadt im Nordwesten Irlands und die Autorin tischt uns nicht das mystische Irland auf, sondern das echte Irland aus der Sicht von einer Gruppe Jugendlichen. In “Der Zauber der verlorenen Dinge” steckt viel Lokalkolorit, was ich sehr gern gelesen habe, und durch den atmosphärischen Schreibstil der Autorin wird die kleine Stadt richtig lebendig, sodass es Spaß macht, sie zu erkunden – und die merkwürdigen Geschehnisse mitzuerleben, die plötzlich einsetzen.

Auch die Atmosphäre hat mir sehr gut gefallen. Der Roman ist unheimlich auf diese ruhige Schauerroman-Art: Etwas Merkwürdiges passiert, aber man kann lange nicht wirklich den Finger drauflegen, was genau jetzt so merkwürdig ist. Dass am Ende nicht alles erklärt wird, passt auch sehr gut dazu. Es ist okay, das ein paar Fragen offen bleiben. Mir waren es dann nur ein bisschen zu viele, da auch teilweise Dinge nicht aufgeklärt wurden, die mit der Haupthandlung zu tun hatten, sodass das Buch am Ende leider ein bisschen unfertig wirkt.

Sehr gemocht habe ich, wie schon angesprochen, die Repräsentation, nicht nur von queeren Mädchen, sondern im Allgemeinen. Olive ist eine dicke Protagonistin, ohne, dass das allzu sehr eine Rolle spielt (Sie hat ein paar Zweifel, die ich realistisch fand und die auch nicht übertrieben dargestellt werden), außerdem ist sie auf einem Ohr taub und nutzt ein Hörgerät. Da es sehr wenig Hauptfiguren mit Beeinträchtigungen gibt, fand ich es schön, mit Olive einmal eine lesen zu dürfen. Nur PoC-Figuren gibt es leider auch hier fast keine: Rose ist indischer Abstammung und die einzige WoC im Buch.

DAS ZWISCHENMENSCHLICHE BLEIBT AUF DER STRECKE

Die Figuren mochte ich sehr gern. Olive ist eigentlich ein ganz normales Teenagermädchen, aber genau deshalb hat sie mir als Ich-Erzählerin gut gefallen. Hazel ist alles andere als gewöhnlich: Sie und ihr Zwillingsbruder sind auf der Flucht vor ihren Eltern, die sie stark vernachlässigt haben und verstecken sich mit ihrer besten Freundin Ivy in einem leerstehenden Haus. Manchmal war mir dieser Teil der Geschichte etwas zu gewollt “edgy” und ich fand Hazel und Rowans Situation hier und da auch etwas romantisiert. Dass beide dabei sind ein Alkoholproblem zu entwickeln wird angesprochen, aber nicht gelöst, was ich im Jugendbuch nicht so gut finde.

Ein großes Problem war für mich aber die Darstellung von Beziehungen in diesem Buch, weil das auf allen Ebenen vorne und hinten irgendwie nicht passte. Es gibt zwei Paare, die im Verlauf der Handlung zueinander finden, aber es ist halt schon heftige Insta-Love: Innerhalb einer einzigen Woche sehen sie sich, wissen, dass sie sich lieben und habe beide (!) nach dem ersten Kuss direkt Sex, was weder zu den Figuren passt, noch gut zu lesen war. Ein paar mehr Gespräche, in denen die Figuren sich erstmal kennen lernen, hätten mir mehr gegeben als zwei merkwürdig detaillierte Sexszenen in einem Jugendbuch. Natürlich wird trotz des Details keine Verhütung erwähnt. Meh.

Ich finde es ehrlich wichtig Sexualität und Sex auch im Jugendbuch nicht einfach zu ignorieren, als gäbe es das nicht. Aber es ist doch noch ein Unterschied, ob man diese Themen vernünftig und realistisch thematisiert, oder einfach zwei graphische Sexszenen schreibt, damit man das lästige Kennenlernen, Verlieben und so (was ich übrigens gern lese, danke für nichts also) überspringen kann, denn die Figuren lieben sich ja schon, was die Sexszenen wohl irgendwie beweisen sollten. (Beziehungsweise lieben sie, wie sie aussehen, denn Liebe wird hier auch stark über das Aussehen und körperliche Anziehung definiert.) Nochmal meh.

Das Zwischenmenschliche fällt aber einfach generell ein bisschen flach. Einige Figuren haben dunkle Geheimnisse, sie lügen und behalten mit Absicht Informationen zurück. Ihnen wird aber immer sofort vergeben, Konflikte gibt es kaum. Kaum eine Figur zeigt wirklich Emotionen. Eine Figur erlebt sexualisierte Gewalt, aber was das wirklich für diese Figur bedeutet und wie sie als Überlebende damit umgeht, wird so gut wie überhaupt nicht behandelt und kommt auch im letzten Drittel des Romans gar nicht mehr auf den Tisch, obwohl der Roman in einer einzigen Woche spielt. Ja. Meh. Immer wieder meh.

TOLLE IDEEN, ENTTÄUSCHENDE AUFLÖSUNG

Am Ende bringt “Der Zauber der verlorenen Dinge” sehr viele spannende Ideen mit. Rätselhafte Tagebücher, ein mysteriöses Zauberbuch, einen unheimlichen Jungen, der einfach so im Wald auftaucht, Gegenstände, die verschwinden und an unmöglichen Orten wieder auftauchen… Atmosphäre und Schreibstil sind toll, düster und sorgen dafür, dass man immer weiterlesen möchte. Aber leider fällt dieses Kartenhaus am Ende einfach ein Stück weit in sich zusammen, weil die wenigen Antworten, die man erhält, enttäuschend sind im Vergleich zu dem, was man sich Magisches ausgemalt hat.

Ich würde “Der Zauber der verlorenen Dinge” daher schon empfehlen, aber man sollte nicht mit allzu hohen Erwartungen an das Buch herangehen. Wer gute Repräsentation lesen möchte, besonders von queeren Frauenfiguren, der ist hier schon richtig und auch Setting, Schreibstil und Atmosphäre stimmen. Leider gelingt der Autorin am Ende meiner Meinung nach aber einfach nicht ihre wirklich guten Ideen zu einer überzeugenden Auflösung zu bringen, sodass ich mit sehr vielen Fragen, auf die ich doch gern Antworten gehabt hätte, und ein bisschen enttäuscht zurückbleibe.


Der Zauber der verlorenen Dinge | cbj, 2019 | 978-3-570-17522-4 | 368 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Karen Gerwig | Britische OA: The Spellbook of the Lost and Found, 2017

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