Rezensionen

“Clans of London: Hexentochter” von Sandra Grauer

Als Caroline den geheimnisvollen Ash kennenlernt, ahnt sie nicht, dass ihr Leben schon bald in seinen Händen liegen wird. Denn Ash ist ein Magier und er eröffnet Caroline, dass sie eine Hexe ist. Doch nicht nur das: Die beiden mächtigsten Hexenclans von London machen Jagd auf Caroline. Denn sie ist Teil einer uralten Prophezeiung. Und sollte diese sich erfüllen, sind die Hexenclans dem Untergang geweiht …


Triggerwarnung:
Toxische Beziehungsmuster, stereotype Darstellung eines schwarzen Jungen

MEINE GEDANKEN

Okay, erstmal tief durchatmen. Und dann ärgern, dass die deutsche YA-Fantasy anscheinend immer noch im Jahr 2010 feststeckt. Denn leider bringt “Hexentochter”, der erste Band von Sandra Grauers Zweiteiler “Clans of London” mal wieder alle Klischees mit, die wir jetzt seit fast zehn Jahren nicht mehr sehen können.

Aber von vorn: Denn es hätte alles so schön sein können. Ich mag Bücher über Hexen, ich liebe Bücher, die in London spielen und das Cover verspricht eine magische Geschichte. Leider steckt “Hexentochter” aber einfach voller Problematiken und Genretropes, die nicht nur altbacken sind, sondern auch einfach nicht interessant umgesetzt. Leider ist “Hexentochter” sehr vorhersehbar. Wer der Unbekannte ist, der Caroline verfolgt, um wen sich die Prophezeiung dreht und noch viele andere Handlungselemente lassen sich sehr leicht erraten. Nur Caroline braucht das halbe Buch, um darauf zu kommen.

Es fängt schon damit an, dass allein das erste Kapitel so viele Klischees vereint, dass ich das Buch beinahe direkt wieder weggelegt hätte: Da ist Ash, der mysteriöse Bad Boy, der Carolines Nein nicht akzeptiert, aber das ist okay, weil er kümmert sich ja um sie, als ihr schlecht ist. Da ist Caroline, die gleich ziemlich deutlich macht, dass sie “not like other girls” und deshalb besser ist, weil sie mag keine Partys und ist nicht so oberflächlich wie ihre Freundin Megan. Dann wird (die natürlich blonde) Amber, die sich an Ash ranschmeißt, auch direkt für ihre vieeel zu knappe Kleidung geslutshamed – Orrr.

Dass Sandra Grauer sich ein bisschen um Diversity bemüht, fand ich zuerst ganz nett, dann hat es mich aber auch eher sauer gemacht: Denn als der schwarze Henri auftaucht, muss erstmal abgeklärt werden, dass seine Familie aus Haiti ist. Man kann es ja schließlich nicht einfach so stehen lassen, dass in London (!) ein schwarzer Junge auf einer Studentenparty ist! Henri fragt Caroline dann nach ihrer Herkunft, weil sie “brasilianisch aussieht”. Caroline erwidert, sie wäre “waschechte Engländerin”. Ich… Leute, so nicht. Bitte. 1. Auch PoC, die in England geboren sind oder leben, sind “waschechte Engländer”. Und 2. Die Anwesenheit eines schwarzen Jungen muss nicht sofort auf diese Weise gerechtfertigt werden, was wollt ihr damit aussagen?

DEN BECHDELTEST SCHON MAL NICHT BESTANDEN

So, das alles steckte allein im ersten Kapitel. Nachdem sich meine Atmung wieder normalisiert hatte, habe ich weitergelesen und ja, natürlich geht es so weiter. Ash bringt den “Du bist nicht wie andere Mädchen”-Spruch. Er verhält sich extrem toxisch, macht ständig sexuelle Anspielungen, obwohl er weiß, dass das Caroline unangenehm ist, und ist beleidigt, als sie ihm nicht sofort vollkommen vertraut. Caroline verliebt sich natürlich trotzdem in ihn, weil er der “missverstandene Rebell” ist und es ja nicht so schlimm ist, wenn er ihre Grenzen überschreitet, weil er es ja nur macht, um seine Unsicherheit zu überspielen. Das sind gefährliche Botschaften an junge Leser.innen, sorry.

Leider muss ich sagen, dass ich auch das Londoner Setting überhaupt nicht gespürt habe. Sandra Grauer geizt mit Beschreibungen und obendrauf fühlt sich mal wieder alles sehr deutsch an. Es werden ein paar “typisch britische” Elemente in den Topf geworden – Caroline arbeitet im Pub – aber irgendwie fühlte sich das hier trotzdem nicht nach London an. Es hätte genauso gut Berlin sein können, wenn man die willkürlich platzierten Ortsnamen durch andere ausgetauscht hätte. Die sehr eigene Atmosphäre der Stadt kommt gar nicht raus.

Und ja, wir müssen über die Voodoo-Sache reden. Denn natürlich stellt sich bald heraus, dass nicht nur Ash ein Magier ist, sondern auch Henri. Und natürlich betreibt Henri Voodoo. Leute, Voodoo ist eine Religion. Die könnt ihr euch nicht ständig als coooole Magie rannehmen, wenn ihr darauf gerade Lust habt. Und natürlich darf in diesem Buch, das in London spielt (wo die Hälfte der Menschen PoC sind), wieder nur eine Figur PoC sein, unter der Bedingung, dass er das Klischee vom Voodoozauberer ist. Ich bin müde. So geht Diversity nicht. Das ist keine Inklusion, das ist Othering. Und es ist langsam auch nicht mehr witzig, wie viele Bücher mit zu 99% weißem Cast in London spielen.

Ach, es gibt so viel, das ich noch sagen könnte. Wie sich jedes Gespräch zwischen Caroline und ihrer “besten Freundin” Megan entweder um Ash dreht oder um Henri oder um beide. Egal worum es eigentlich ging, am Ende führt jede Unterhaltung zurück zu den Jungs. Wie sich die beiden überhaupt nicht vertrauen. Ständig denkt Megan, Caroline wollte ihr Henri wegnehmen, nur, weil Henri und Caroline mal was zusammen unternehmen. Da drin stecken direkt wieder so viele hässliche Vorurteile zu Freundschaften zwischen Frauen, aber auch zu Freundschaften zwischen Frauen und Männern, denen man ja immer was Romantisches oder Sexuelles andichten muss.

Man muss auch wirklich immer wieder bereit sein, die Sachen einfach hinzunehmen und nicht zu hinterfragen. Megan und Caroline können sich als Kellnerinnen im Pub (Megan sogar nur in Teilzeit) die horrenden Mieten in London leisten und wohnen zu zweit in einer Stadtwohnung. Klar. Caroline hat im Heim Schlösser knacken gelernt (kann ich noch hinnehmen), kann aber auch Autos aufbrechen und kurzschließen, Sicherheitssysteme mit Apps außer Kraft setzen und behelfsmäßig Bomben bauen. Wer waren ihre Lehrer im Heim? James Bond und McGyver? Es ist albern.

WER BRAUCHT PLOT UND WORLDBUIDLING, WENN MAN EINEN BAD BOY HAT

Das alles finde ich so, so schade, weil mir die eigentliche Geschichte gar nicht mal so schlecht gefallen hat. Kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag erfährt Caroline, dass sie eine Hexe ist, ihre Magie jedoch nie aktiviert wurde. Das muss sie schnell nachholen, da sie ansonsten an ihrem achtzehnten Geburtstag stirbt. Dafür muss sie jedoch ihre Eltern finden, die sie als Baby weggegeben haben… Das bietet Spannung und zahlreiche Konflikte, doch die Geschichte geht irgendwie unter zwischen dem Liebes-Hin-und-Her zwischen Caroline, Ash, Henri und Megan.

Das Worldbuilding bleibt auf der Strecke. Warum sterben nicht aktivierte Hexen mit achtzehn Jahren? Wie funktioniert diese Magie genau? Alle Hexen haben besondere Talente, aber anscheinend kann Magie mal wieder alles, was sie gerade können muss, damit der Plot weitergeht. Wieso gibt es verschiedene Clans und wieso mögen die sich gegenseitig nicht? Besonders die Politik hinter den verfeindeten Clans of London hätte mich brennend interessiert, dieser Konflikt ist aber irgendwie nur Beiwerk. Generell ist mal wieder alles, was nicht das Liebesdreieck Henri-Caroline-Ash ist, nur Beiwerk. Auf 400 Seiten passiert nicht allzu viel.

Es ist Sandra Grauers schönem, flüssigen Schreibstil (und der witzigen Art der Hörbuchleserin Katja Sallay) zu verdanken, dass ich das Buch durchgezogen und nicht abgebrochen habe. Ich mochte Caroline und ihre Vorgeschichte, auch Megan hat mir gut gefallen, die Grundidee hinter der Geschichte war spannend. Die Umsetzung ist leider voller Jugendbuchklischees (wirklich jedes Klischee, das euch jetzt einfällt, kommt vor, ich meine es ernst), Problematiken und kommt auch einfach nicht so richtig auf den Punkt, denn die meiste Zeit wird gestritten oder aneinander vorbeigeredet, es wird nur sehr wenig gehandelt oder der Plot vorangebracht.

Deshalb muss ich leider sagen, dass mir der erste Band von Clans of London nicht besonders gut gefallen hat. Dass das Buch dann auch noch auf einen billigen Cliffhanger endet, der mit der Handlung nicht mehr viel zu tun hat, war dann insult to injury. Am Ende ist “Hexentochter” eben einfach sehr generische Urban Fantasy, die alle Klischees mitnimmt (alle!), aber eigentlich nichts Frisches mitbringt und auch nicht allzu toll umgesetzt ist. Wer sich für das Buch interessiert, sollte sich natürlich eine eigene Meinung bilden, aber ich fand “Hexentochter” leider überhaupt nicht magisch, sondern eher farblos und unoriginell.


Hexentochter | Clans of London #1 | Ravensburger, 2019 | 978-3-473-40180-2 | 416 Seiten | deutsch

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