Rezensionen

“All Eyes on Us” von Kit Frick

The daughter of small town social climbers, Amanda Kelly is deeply invested in her boyfriend, real estate heir Carter Shaw. He’s kind, ambitious, the town golden boy—but he’s far from perfect. Because behind Amanda’s back, Carter is also dating Rosalie. Rosalie Bell is fighting to remain true to herself and her girlfriend—while concealing her identity from her Christian fundamentalist parents. After years spent in and out of conversion “therapy,” her own safety is her top priority. But maintaining a fake, straight relationship is killing her from the inside. When an anonymous texter ropes Amanda and Rosalie into a bid to take Carter down, the girls become collateral damage—and unlikely allies in a fight to unmask their stalker before Private uproots their lives.


Triggerwarnung:
Religiös motivierte Queerfeindlichkeit, Konversions”therapie”, Alkohol- und Drogenmissbrauch, seelischer Missbrauch, Suizid

MEINE GEDANKEN

Auf “All Eyes on Us” war ich sehr gespannt, denn ich mag YA-Thriller, besonders, wenn sie ein bisschen LGBTQ-Repräsentation mitbringen. Bei “All Eyes on Us” steht das Thema sogar im Mittelpunkt, denn eine der beiden Protagonistinnen, Rosalie, wächst als Tochter von christlichen Fundamentalisten auf, die sie seit sie dreizehn war “therapieren” lassen, weil sie lesbisch ist. Als ein anonymer Stalker beginnt, Rosalie zu drohen ihren Eltern von ihrer Freundin Paulina zu erzählen, beginnt für Rosalie ein Wettlauf gegen die Zeit: Sie muss herausfinden, wer hinter der privaten Nummer steckt, die ihr SMS schreibt.

Rosalies Geschichte ist harter Tobak und ihre Erinnerungen an das Camp Eternal Light, wo Rosalie seelischen Missbrauch erfahren hat, und die Konversions”therapie” werden anhand von Rückblenden in den Roman eingebunden. Ich fand Kit Fricks Umsetzung dieses Themas recht gelungen. Es gelingt ihr deutlich aufzuzeigen was für schlimme Konsequenzen nicht nur Konversions”therapie”, sondern auch Queerfeindlichkeit in der Familie und der Gemeinde allgemein für die psychische Gesundheit von LGBTQ-Menschen haben können und sie macht diese Folgen und vor allem die Zusammenhänge zwischen Queerfeindlichkeit und z.B. den hohen Suizidraten von LGBTQ-Jugendlichen verständlich.

Da Rosalies Geschichte so hart ist und für sie wirklich etwas auf dem Spiel steht, als “Private” beginnt ihr zu drohen, fand ich leider, dass Amandas Geschichte nicht richtig wirkte. Amanda, die zweite Ich-Erzählerin, ist die Tochter von sozialen Aufsteigern und so privilegiert, wie sie nur sein kann: Weiß, cis, hetero, reich, obwohl ihre Eltern im Begriff sind große Schulden anzuhäufen. Das einzige, das für Amanda nicht richtig rund läuft, ist der soziale Druck, den ihre Mutter auf sie auswirkt, denn Amanda soll in die reiche Familie Shaw einheiraten – deshalb muss Amanda für ihre Mutter ignorieren, dass ihr Freund Carter sie betrügt und weiter das perfekte Paar spielen.

Versteht mich nicht falsch, auch Amandas Geschichte fand ich interessant und besonders am Ende, als Amanda immer wieder mit ihrer selbstsüchtigen Mutter aneinander gerät, berührend. Ich fand die Geschichte der überprivilegierten Amanda aber im Vergleich zu dem, was Rosalie passiert, irgendwie… so nichtig. Für Rosalie stehen ihre Familie, ihre Beziehung zu Paulina und vielleicht ihr Leben auf dem Spiel, wenn sie “Private” nicht aufhält. Wenn Amanda “Private” nicht stoppen kann… Dann sind halt ihre Eltern sauer und vielleicht verliert ihre Familie den sozialen Stand. Doof für Amanda, aber eben doch kein Vergleich zu dem, was Rosalie durchmacht. Hier war die Balance einfach nicht gegeben.

KOMISCHE BOTSCHAFTEN & LEERE DROHUNGEN

Dabei mochte ich beide Ich-Erzählerinnen sehr gern. Amanda lernt über den Roman hinweg ihre privilegierte Sichtweise auf die Welt abzulegen und sich selbst und ihre eigenen Wünsche durchzusetzen. Rosalie findet den Mut, zu sich selbst und ihrer Sexualität zu stehen. Auch die Idee hinter der Geschichte fand ich an sich spannend, auch, wenn der SMS-schreibende Stalker, der alles zu sehen scheint, seit “Pretty Little Liars” (und vielleicht sogar schon seit “Gossip Girl”) in der Young Adult ein bisschen überstrapaziert wird. Leider ist “Private” nicht “A”. Ich fand, dass die Drohungen und Forderungen irgendwie lasch wirkten, “Private” wirkte nicht richtig gefährlich auf mich.

Es gelingt Rosalie und Amanda einfach zu oft “Private” auszutricksen. “Private” stellt eine Forderung, Rosalie und Amanda sagen: “Nee, mach ich nicht” und dann… passiert eigentlich nichts, außer, dass “Private” leere Drohungen schickt. Dabei ergibt es auch leider keinen Sinn, warum “Private” selbst nichts unternimmt. Er will, dass Amanda Rosalies Vater Fotos davon schickt, wie Rosalie Paulina küsst. Amanda tut das natürlich nicht, weil sie Rosalie nicht outen will. Wieso “Private” die Bilder dann nicht einfach selbst anonym verschickt… keiner weiß es, es hat für mich keinen Sinn ergeben und genau wegen solcher Dinge war die Gefahr für mich nicht spürbar, denn es passierte ja nichts.

Auch fand ich die Auflösung am Ende leider recht wenig überzeugend. Die große Enthüllung von “Private” war spannend, aber ich hab’s der Autorin einfach nicht abgekauft, da auch hier vieles keinen Sinn ergibt. Darauf kann ich jetzt nicht genauer eingehen, ich will das Ende ja nicht verraten, aber irgendwie passen die Taten von “Private” nicht mit den Taten der Person, die als “Private” enthüllt wird, zusammen und auch das Motiv konnte mich kaum überzeugen, da auch dieses einfach lasch und irgendwie viel zu schwach für solche Drohungen wirkte.

Darüber hinaus beinhaltet der Roman einige Aussagen, die mir ein bisschen Bauchgrimmen gemacht haben. So sagt Amanda, dass Sex zu einer gesunden Beziehung einfach dazugehört, was ich in einem Roman mit so starkem Fokus auf LGBTQ-Unterdrückung übel finde. Hallo, asexuelle Menschen existieren, sex-repulsed Menschen existieren, Menschen, die keinen Sex haben möchten und trotzdem erfüllte Beziehungen haben, existieren. Auch unschön fand ich, wie Rosalie und Amanda immer darauf herumreiten, dass Carter ein guter Mensch ist, obwohl er Amanda betrügt. Rosalie, die sagt, dass sie ihre Eltern trotz allem liebt, war auch so ein Fall. Da habe ich mich einfach gefragt: Warum?

NICHTS HALBES, NICHTS GANZES

Gut gefallen hat mir aber, dass Kit Frick ihre Figuren auch “nebenbei” divers gestaltet hat. Rosalies Probleme mit Queerfeindlichkeit stehen zwar im Mittelpunkt, doch es gibt auch einige queere Figuren, die von ihren Familien akzeptiert werden, unter anderem Rosalies Freundin Paulina und zwei Figuren in Amandas Freundeskreis, sowie mehrere PoC-Figuren im sozialen Umfeld beider Ich-Erzählerinnen.

Am Ende war “All Eyes on Us” irgendwie kein Fisch und kein Fleisch. Leider fand ich, dass die Geschichten von Rosalie und Amanda einfach nicht wirklich zusammenpassten und Amandas Probleme zwar auch ernst waren, im Vergleich zu Rosalies Problemen aber einfach verblassen mussten. Der Plot an sich war spannend, verlief sich dann aber leider, da die Drohungen zu kaum etwas führten, außer dann am Ende zu einer unbefriedigenden Auflösung. Die größte Stärke des Romans ist in meinen Augen, die komplexe und schonungslose Darstellung von den Folgen von Queerfeindlichkeit und Konversions”therapie” auf die Psyche von LGBTQ-Menschen. Für die Darstellung gilt aber unbedingt eine große Triggerwarnung.

Als Contemporary-Geschichte funktioniert “All Eyes on Us” irgendwie besser, als als Thriller, doch das Buch will eben ein Thriller sein, kann aber mit seinem Stalker, den Drohungen und der Suche nach “Private” einfach keine Spannung erzeugen, wo ich besonders Rosalies Konflikte mit ihrer Familie und ihrer Gemeinde, aber auch Amandas Probleme mit ihrer Mutter und Carter durchaus spannend zu lesen fand. Ich würde den Roman daher durchaus an alle interessierten Leser.innen empfehlen, aber erwartet euch hier nichts besonders Originelles. Fans von “Pretty Little Liars”-Style-Geschichten kommen für zwischendurch auf jeden Fall auf ihre Kosten.


All Eyes on Us | Margaret K. Elderry Books, 2019 | 9781534404403 | 384 Seiten | Englisch

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2 Comments

  • Sas

    Huhu Kat,

    ich sehe das ganz ähnlich wie du. Die Auflösung war irgendwie… extrem langweilig. Ich muss zwar zugeben, dass ich vorher keinen richtigen Verdacht hatte, aber “Privates” Identität war am Ende doch irgendwie unlogisch. Mich hat aber das ganze Buch nicht so richtig fesseln können, wahrscheinlich aus genau den Gründen, die du hier aufzählst. (Gut, dass ich das eBook für knapp 1€ gekauft habe, 10€ für’s TB hätten doch etwas weh getan)

    Ich muss sagen, dass mich dafür die Geschichte um Rosalie echt mitgenommen hat. Das war immer wieder wie ein Schlag in die Magengrube. Ich finde übrigens auch, dass dafür eine TW nötig gewesen wäre. Wenn mich das als Nicht-Betroffene schon so fertig macht, möchte ich gar nicht wissen, was es mit Survivors macht.

    Ich habe das erste Buch, das Kit Frick geschrieben hat, im Moment auf meiner Wunschliste. Ich bin gespannt, ob mich das mehr überzeugen kann.

    Liebe Grüße
    Sas

    15. August 2019 at 13:17 Reply
    • Katriona

      Hi Sas! Ja, das kann ich so unterschreiben. Mich hat Rosalies Geschichte auch sehr mitgenommen, aber im Großen und Ganzen war das Buch einfach nur okay. Ich mag solche Bücher für zwischendurch ja echt gern, aber ich hoffe, ich finde bald mal wieder eins, das mich richtig einspannt.

      Alles Liebe
      Kat

      15. August 2019 at 18:43 Reply

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