Rezensionen

“Little Sister” von Isabel Ashdown

Sechzehn Jahre lang haben sich die Schwestern Jessica und Emily nicht gesehen. Jessica verließ nach einem tragischen Ereignis in ihrer Jugend das Elternhaus und brach den Kontakt ab. Erst auf der Beerdigung ihrer Mutter sehen sie sich wieder und nähern sich erneut an. Die Vergangenheit scheint vergessen, und Emily lädt Jessica ein, in ihrem Haus bei ihrer Familie zu wohnen. Doch als Emilys kleine Tochter Daisy verschwindet, während Jessica auf sie aufpassen sollte, brechen alte Wunden auf, und das schöne Leben, das Emily so sorgsam aufgebaut hat, gerät aus den Fugen …


Triggerwarnung
Sexualisierte Gewalt, psychische Erkrankungen

MEINE GEDANKEN

Sie kann es nicht ausstehen, wenn ich etwas als Erste tue, selbst, wenn es etwas ganz Schlimmes ist. | S. 98

Ich sag’s mal lieber gleich: Wer einen packenden Thriller rund um die Entführung eines kleinen Mädchens erwartet, ist hier falsch. Daisys Entführung und die Ermittlungen wirken sich stark auf die Figuren aus, stehen aber nicht im Mittelpunkt. Stattdessen geht es um die (ungesunde) Beziehung zwischen den Schwestern Emily und Jessica, die sich nach sechzehn Jahren ohne Kontakt auf der Beerdigung ihrer Mutter wiedersehen. Zuerst ist alles beinahe wie früher: Jessica zieht bei Emily, ihrem Mann James und ihrer Stieftochter Chloe ein und hilft Emily, sich um ihre Babytochter Daisy zu kümmern. Doch dann wird Daisy entführt, während Jessica eigentlich auf sie aufpassen sollte…

Der Klappentext des Romans ist ein bisschen irreführend, denn er fokusiert sich auf Emily und auf die Frage, ob sie Jessica vertrauen kann. Dabei ist von den ersten Seiten an klar, dass es eigentlich andersrum ist: Emily ist die Erzählerin, der man nicht vertrauen sollte, was aus Rückblenden in die Kindheit der Schwestern ersichtlich wird, aber auch direkt aus Emilys Perspektive selbst. Der Roman macht relativ schnell klar, welcher Schwester ich trauen soll, denn Jessica bekommt eine Ich-Perspektive, während Emily durch eine personale Erzählerin spricht, sodass man Jessica sofort näher ist und zu Emily eine Distanz aufgebaut wird, die den ganzen Roman anhält.

Von Anfang an ist Emily eine unangenehme, selbstsüchtige Figur: Sie muss immer im Mittelpunkt stehen, sie gönnt weder Jessica noch ihrer eigenen Stieftochter Chloe, dass James ihnen Aufmerksamkeit schenkt, ihr ist wichtiger, wie ihre Familie nach außen hin aussieht, als ob es ihnen wirklich gut geht. Nur ihre Babytochter Daisy scheint sie wirklich zu lieben, hat aber sogar gegen Daisy hin und wieder sehr selbstsüchtige Gedanken. Ich fand Emily gut geschrieben und vor allem authentisch. Es zeigt sich bald, dass sie sich selbst und ihr Verhalten überhaupt nicht reflektieren kann. Hin und wieder überlegt sie, ob sie ein schlechter Mensch ist, lässt diese Überlegungen, die dazu führen könnten, dass sie sich ändert, aber nicht an sich heran.

Ich fand das schwierig zu lesen, gerade, weil es authentisch ist. Emily hat mich stark an eine ehemalige gute Freundin erinnert und ihr Verhalten hat mich wütend gemacht, sodass es manchmal keine Freude war, ihre Kapitel zu lesen. Jessicas Kapitel haben mir umso besser gefallen. Auch Jessica ist alles andere als perfekt und hat viele Geheimnisse und Fehler, doch sie war mir sympathisch, auch, wenn ich es manchmal etwas zu viel des guten fand, wenn Jessicas Verfehlungen wegerklärt wurden, um Emily noch schlechter aussehen zu lassen. Es hätte Jessica als Figur nicht geschadet, wenn sie auch ein bisschen ambivalenter gewesen wäre, als sie es ist.

SPANNENDE BEZIEHUNGEN, UNNÖTIGES STIGMA

Es ist wirklich sehr kraftraubend […] Emily nicht gegen sich aufzubringen, dafür zu sorgen, dass sie zufrieden ist. Bis heute Abend habe ich das noch nie so klar und deutlich gesehen: Wie sehr es einen blockiert, wenn ihr etwas nicht passt. | S. 198

Aufwühlend fand ich den Umgang mit dem schwierigen Thema sexueller Missbrauch und seine Folgen. Auch hier geht Isabel Ashdown sehr sensibel an das Thema heran, aber gleichzeitig auch knallhart. Es geht, ohne zu viel verraten zu wollen, viel um Victim Blaming, wie es auch in der Realität viel zu oft vorkommt – Einer Person, die sexuellen Missbrauch überlebt hat, wird eingeredet sie hätte es sich selbst zuzuschreiben. Ich fand Ashdowns Umgang mit dem Thema gelungen, da sie die Mechanismen solcher Aussagen verständlich aufzeigt. Warum wird das getan und wie wirkt es sich auf die Überlebenden aus?

Ähnlich ist es mit dem Abhängigkeitsverhältnis zwischen Jessica und Emily, das Emily schon ausgenutzt hat, als sie noch Kinder waren, um sich selbst in den Vordergrund zu spielen. Jessica erkennt nicht, dass sie als Teenager von dem Wohlwollen ihrer großen Schwester abhängig war, und es auch wieder ist, als sie nach sechzehn Jahren bei ihr einzieht, aber als Leser.in bemerkt man es ganz deutlich. Auch durch Emilys Perspektive, die alles immer etwas anders darstellt, als Jessica, und in der sehr deutlich wird, wie sehr Emily die Anerkennung anderer Menschen braucht und, dass sie ihr wichtiger ist, als was andere denken oder fühlen. Davon handelt “Little Sister” zum größten Teil und hier ist der Roman auch sehr stark und emotional aufwühlend.

Nicht so gelungen fand ich den Umgang mit psychischen Krankheiten. Denn obwohl Ashdown einige gute Botschaften einbaut, bleibt am Ende doch ein bitterer Beigeschmack. Dieses Problem kann ich nicht besprechen, ohne massiv zu spoilern. Deshalb lest den Spoiler bitte nur, wenn ihr das Buch schon kennt, es nicht lesen wollt oder betroffen seid und lieber vor dem Lesen wissen möchtet, was auf euch zukommt:

Spoiler! CW: Stigmatisierung psychischer Krankheiten
Die Person, die Daisy entführt hat, wird ungefähr bei der 50%-Marke enthüllt. Die Person ist psychisch krank und nimmt ihre Medikamente nicht mehr, sodass sie einen Rückfall erleidet. Ich fand gut, dass Isabel Ashdown zeigt, dass man psychische Krankheiten mit Medikamenten behandeln kann und, dass Medikamente oder Therapie etwas Gutes sind, das Menschen helfen kann. Nicht gut fand ich jedoch, dass überhaupt wieder eine psychisch kranke Person Täter.in sein musste und, dass die psychische Krankheit der Grund ist, dass die Person von ihrer Familie verlassen wird, ohne, dass besprochen wird, warum dieser krasse Schritt gemacht wurde. Gut fand ich, dass die Person für ihre Krankheit und die Tat jedoch nicht verteufelt wird, sondern am Ende wieder Hilfe bekommt.

SCHÖNES SETTING, ZU VIELE TROPES

Darüber hinaus haben mir besonders die Beschreibungen des Settings gut gefallen. Der Roman spielt auf der Isle of Wight vor der südenglischen Küste und die Landschaft dieser Gegend, sowie das Meer, spielen immer wieder eine Rolle. Besonders zum Ende hin hat mir immer besser gefallen, wie das Setting in die Geschichte einbezogen wurde. Mit dem Schreibstil hatte ich jedoch oft Probleme. Ich weiß nicht, ob es an der Übersetzung oder einfach am Schreibstil der Autorin liegt, doch oft waren die Satzkonstruktionen im Präsens sehr hölzern und wirkten irgendwie unbeholfen, was so oft vorkam, dass es mir den Spaß ein bisschen verdorben hat.

Etwas schade fand ich auch, dass die Geschichte zum Ende hin immer unglaubwürdiger wurde. Die vielen Twists und enthüllten Geheimnisse waren auf den ersten Blick spannend, aber auf den zweiten eben doch irgendwie sehr… antiklimatisch, weil sie wie aus der Luft gegriffen wirkten. Es gab noch ein paar andere Dinge, die mich gestört haben, zum Beispiel, dass eine Abtreibung als Tötung eines unschuldigen Kindes bezeichnet und mit dem Verschwinden von Daisy verglichen wurde, was mir besonders im heutigen politischen Klima bitter im Magen liegt und eher unschöne Botschaften an die Leser.innen sendet.

Alles in allem würde ich sagen, dass “Little Sister” durchaus ein spannender, atmosphärischer Thriller ist, der komplexe Figuren und Beziehungen liefert, aber an sich für Genrefans nicht allzu viel Neues auf Lager hat. Mir hat der Roman größtenteils gefallen, doch am Ende hat irgendwie etwas gefehlt. Die Distanz zu Emily fand ich zum Beispiel schade, aber auch, dass die Geschichte sich am Ende etwas verliert und statt dichter, komplexer Auflösungen doch wieder spannende, aber sehr weit hergeholte Lösungen präsentiert wurden.

Der Roman wird Leser.innen, die das Genre mögen und mit den kritischen Elementen umgehen können, sicherlich gefallen, hat mich aber eben auch nicht vollends begeistern können. Am Interessantesten fand ich tatsächlich die Beziehung und die Geheimnisse zwischen Jessica und Emily und habe besonders Jessicas Weg aus der Abhängigkeit von ihrer Schwester sehr gern gelesen. Wäre die Geschichte rund um Daisys Entführung etwas spannender aufgezogen worden und hätte die Autorin ein paar weniger Tropes zu psychischen Krankheiten mitgenommen, hätte der Roman mir sicherlich noch besser gefallen. Trotzdem bin ich sehr gespannt darauf, was Isabel Ashdown noch veröffentlichen wird.


Little Sister | Blanvalet, 2019 | 978-3-7341-0570-8 | 416 Seiten | deutsch | Übersetzer.innen: Charlotte Breuer & Norbert Möllemann | Britische OA: Little Sister, 2017

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