Rezensionen

“Pasadena” von Sherri L. Smith

Bad things happen everywhere. Even in the land of sun and roses. When Jude’s best friend is found dead in a swimming pool, her family calls it an accident. Her friends call it suicide. But Jude calls it what it is: murder. And someone has to pay. Now everyone is a suspect—family and friends alike. And Jude is digging up the past like bones from a shallow grave. Anything to get closer to the truth. But that’s the thing about secrets. Once they start turning up, nothing is sacred. And Jude’s got a few skeletons of her own.


Triggerwarnung
Suizid, sexualisierte Gewalt, unheilbare Krankheiten

MEINE GEDANKEN

“Pasadena” von Sherri L. Smith war überhaupt nicht das, was ich erwartet hätte, aber das war auch gar nicht schlimm. Der Roman ist mir auf einer Liste mit YA-Thrillern für “Pretty Little Liars”-Fans ins Auge gesprungen, aber ich kann nicht so ganz nachvollziehen, wie er dort gelandet ist. Ja, es gibt reiche Mädchen in teuren Klamotten, große Häuser und Glamour, aber “Pasadena” erinnert viel eher an die Romane von E. Lockhart (“Solange wir lügen” zum Beispiel), und das auf positive Weise. Der Titel ist Programm, denn Sherri L. Smith zieht Pasadena, einen Stadtteil am Rand von Los Angeles, stark in die Handlung mit ein.

Es sind ihre Beschreibungen von Pasadena und generell von Los Angeles, die diesen Roman zu einer echten Lesefreude machen. Man kann die Hitze richtig spüren, die vertrockneten Palmen vor sich sehen, und die Lauffeuer riechen, die einmal mehr in Kalifornien brennen. “Pasadena” ist ein LA-Roman, aber abseits von Hollywood, und die Abgründe der reichen – und nicht so reichen – Familien spielen eine große Rolle. Es geht sehr viel weniger um den Mord an Maggie Kim, obwohl Jude den ganzen Roman über versucht, ihn aufzuklären, und eher um die Dinge, die sie dabei über Maggie, die anderen aus ihrem Freundeskreis und sich selbst herausfindet.

HOLLYWOOD-GLAMOUR UND FILM NOIR

Der Roman wurde als Hommage an den Film Noir von Hollywood in den 1940er Jahren beworben und das ist spürbar, in den schönen, aber düsteren Beschreibungen, aber auch in der Handlung selbst: Maggie wird tot im Pool entdeckt, ähnlich wie Joe Gillis am Anfang des Noir-Klassikers “Sunset Boulevard” von 1950, und Maggie spricht und kleidet sich wie ein 40er-Jahre-Hollywoodstar. Man lernt sie in Rückblenden gut kennen, dunkle und gute Seiten. Smith macht hier nichts Neues: Das beliebte, glamouröse Mädchen, das unter der Oberfläche dunkle Geheimnisse hat. Sie setzt das “Trope” aber gut um.

Man darf sich hier (leider) keine allzu sensible Auseinandersetzung mit den Themen erwarten, die besprochen werden. Jude und die Leser.innen merken schnell, dass Maggie psychische Probleme hatte und man lernt auch die Gründe kennen, zum Beispiel ihre Eltern, die Maggie immer haben spüren lassen, dass ihnen ihr kleiner Bruder wichtiger ist. Sherri L. Smith bietet aber keine klaren Lösungen an. Sie macht das nicht unverantwortlich. So hat Jude, die ebenfalls tief traumatisiert ist, eine Therapeutin, die sie auch eher positiv sieht, und auch ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung durch ihren Stiefvater werden zwar nicht wirklich aufgearbeitet, aber kraftvoll eingebunden.

Ich rechne Sherri L. Smith hier hoch an, dass sie nicht macht, was die YA so gern macht: In “Pasadena” können Freundschaft oder sogar Liebe Traumata nicht von heute auf morgen heilen. Jude wird nicht geheilt, aber sie lernt über den Roman hinweg, mit ihrem Trauma zu leben. Ein großes Thema ist Loslassen. Das gilt für Maggie und ihren Tod, aber eben auch für die Vergangenheit, die Jude verfolgt. Es geht auch darum, nicht wegzusehen, wenn es geliebten Menschen schlecht geht. Das alles kommt wie gesagt nur “nebenbei” vor, es wird nur subtil aufgearbeitet, aber es hat Kraft. Ich bin mir nur nicht sicher, wie besonders junge Leser.innen diese Art der Thematisierung schwerer Stoffe aufnehmen, denn viel bleibt vage und wird nur angedeutet, sodass man es überlesen kann.

DIVERSITY MIT SCHATTENSEITEN

Nicht so gut hat mir leider die Umsetzung der Diversity gefallen. Ich weiß nicht, warum ich mir hier mehr erwartet habe, vielleicht habe ich Sherri L. Smiths Namen irgendwo in dem Kontext gehört und mir daraufhin Hoffnungen gemacht. Doch es gibt kaum PoC-Figuren und die, die es gibt, sind eher negativ behaftet. Maggie Kim ist eine positive Figur, aber sie ist tot, ihr kleiner Bruder Parker, der seit seiner Kindheit einen Hirntumor hat, ist verbissen und sarkastisch und grenzt leider schon hart an das Trope des verbitterten Todkranken. Auch Maggies und Parkers Eltern wirken eher kalt. Mit Edina ist jedoch leider auch die “Zicke”, die Jude nicht ausstehen kann, WoC. Und dann ist da noch Luke Liu – Maggies Stalker.

Ich fand Luke als Figur leider sehr problematisch. Maggie weiß, dass er heimlich Fotos von ihr macht, aber Luke ist trotzdem fester Bestandteil ihrer Freundesgruppe und sie sieht ihn positiv und nennt ihn ihren Beschützer. Das fand ich ehrlich gesagt mehr als creepy. Luke schleicht um ihr Haus und macht ohne ihr Wissen Fotos von ihr, um “auf sie zu aufzupassen”. Jude findet ihn armselig, ich finde sein Verhalten übergriffig und bedrohlich. Das wird leider kaum thematisiert, was ich eine verpasste Chance finde, auch “gut gemeintes” übergriffiges Verhalten mal scharf zu kritisieren. Dass Luke eben auch PoC ist, während die positiv besetzten Figuren Eppie, Hank und Joey weiß sind, lag mir schwer im Magen.

Hinzu kommt, das ganz nebenbei auch slurs verwendet werden. Generell gab es ein paar Szenen, bei denen ich mir gewünscht hätte, jemand hätte den Roman sorgsam auf (sicherlich unbeabsichtigt) verletzende Inhalte gegengelesen, um zum Beispiel die unbedachte Nutzung des Z-Worts rauszufiltern, oder auch bi- & pan-Erasure, als Jude gefragt wird, ob sie in Maggie verliebt war, und ihre Antwort “Ich bin nicht lesbisch” als “Beweis” dafür ausreicht.

ZYNISMUS, HOFFNUNG UND ZU WENIG SEITEN

Maybe you can’t save anyone. No matter how much we might care for someone, it’s not always up to us. Could any of us have helped? Maybe. We’ll never know.

Das alles wird durch Judes Ich-Perspektive gefiltert und ein paar Dinge kann das retten (Slurs und Lukes Übergriffigkeit jedoch natürlich nicht), denn Jude ist keine sympathische Erzählerin.

Trotzdem ist sie großartig. Sie ist bissig, verbittert und schert sich nicht um die Gefühle anderer Leute, was eben auch ihren Blick auf Figuren wie Edina färbt. Man fragt sich durchaus, ob Edina wirklich so schlimm ist, oder ob Jude sie so schlimm beschreibt, weil sie sie eben nicht mag. Deshalb hatte ich auch nie das Gefühl, dass ich Edina – oder andere negativ gesehene Figuren wie Parker – nicht mögen soll, denn Smith lässt einem genug Raum, über Judes Tellerrand hinauszublicken, wo sie es selbst nicht tut.

Ich mochte Jude trotzdem, weil sie sich für mich echt gelesen hat. Sie ist kein Sonnenschein, sie ist nicht die typische YA-Thriller-Heldin, die positiv bleibt, auch, wenn schlimme Dinge geschehen, sie kann nicht sofort perfekt ermitteln und sticht auf ihrer Suche nach der Wahrheit ständig in Wespennester und verletzt die Gefühle anderer und lernt erst nach und nach, dass sie nicht die einzige ist, die Maggies Tod betrauert. “Pasadena” ist Maggies Geschichte, aber auch Judes, denn Maggies Tod verändert Jude und zwingt sie praktisch erwachsen zu werden, ohne, dass Magie zum reinen Plot Device verkommt. “Pasadena” handelt von Verlust und vom Loslassen und obwohl Jude selbst so bitter ist, schimmert immer auch ein bisschen Hoffnung durch.

Gut gefallen hat mir auch der Umgang mit Trauer und Verlust. Sherri L. Smith löst zwar die Handlung gut und dicht auf, aber sie tut nicht so, als würde es Jude einen richtigen Abschluss geben, die Wahrheit herauszufinden. Maggie fehlt noch immer und vor allem steht die Frage danach im Raum, ob man überhaupt etwas hätte tun können oder nicht. Jude ist nicht in LA, als Maggie ermordet wird, und sie fragt sich bis zum Ende, ob Maggie noch leben würde, wäre sie da gewesen. Das fand ich noch mit am Realistischsten, wie sich hier Trauer und das Gefühl von Schuld, weil man nicht da war, vermischen, auch, wenn das kein allzu rationaler Gedanke ist.

Alles in allem ist “Pasadena” ein lesenswerter, wenn auch mit 240 Seiten etwas kurz geratener, YA-Thriller über Verlust, Loslassen und Erwachsenwerden, der durch seine zynische Protagonistin und die düster-sommerlichen, cinematischen Beschreibungen von Los Angeles besticht. Ein paar Seiten mehr, auf denen die Auflösungen am Ende noch etwas Platz gefunden hätten, und ein sensiblerer Umgang mit Diversity und Inklusion und der Roman wäre wunderbar gewesen. Aber auch so sticht er aus der Menge an YA-Thrillern heraus und ist ein spannender, trotz schwerer Themen kurzweiliger Roman, den man gut an einem (Sommer)-Nachmittag schaffen kann.

Aufgrund von einigen problematischen Tropes, der Verwendung von Slurs, der nicht immer bis selten gelungenen Diversity und dem kraftvollen, aber oft vagen und manchmal doch eher krassen Umgang mit Themen wie Suizid, tödlichen Krankheiten und sexualisierter Gewalt, spreche ich jedoch nur eine eingeschränkte Empfehlung und eine Triggerwarnung für diese Themen aus.


Pasadena | Putnam’s Sons Books, 2016 | 9781101996256 | 240 Seiten | Englisch

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