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“Keiner sagt die Wahrheit” von Caleb Roehrig

Rufus erlebt die schlimmste Nacht seines Lebens. Erst taucht sein Exfreund Sebastian auf, der ihm das Herz gebrochen hat, und will reden. Und dann ruft seine Schwester April an, dass sie seine Hilfe braucht. Sebastian und Rufus finden sie blutverschmiert mit einem Messer in der Hand, neben ihr liegt ihr toter Freund. April schwört, dass sie es nicht war, und fleht ihn an, ihr zu helfen. Rufus hat eine Nacht, ihre Unschuld zu beweisen, und gerät dabei selbst in tödliche Gefahr …


Triggerwarnung:
Sexualisierte Gewalt, Queerfeindlichkeit und Rassismus (beides reflektiert), ungesunde Beziehungsmuster (nicht reflektiert)

MEINE GEDANKEN

Ja, meh. Wer mein Blog schon länger kennt, weiß, dass ich letztes Jahr Caleb Roehrigs YA-Thriller-Debüt “Niemand wird sie finden” gelesen und sehr gemocht habe. Von seinem zweiten Roman habe ich mir daher auch einen dichten, düsteren Young-Adult-Krimi mit interessanten Figuren und spannendem Thrillerplot erwartet, aber meine Erwartungen an “Keiner sagt die Wahrheit” waren wohl einfach zu hoch, denn ich bleibe jetzt ein bisschen enttäuscht zurück und weiß nicht so recht, ob ich das Buch mochte – oder nicht.

Das Positive zuerst: Ich-Erzähler Rufus hat mir sehr gut gefallen. Er ist der uneheliche Sohn eines einflussreichen Mannes, Peter Covington, und er und seine Mutter werden seit jeher von den Covingtons gegängelt und schikaniert, was ich eine interessante Dynamik fand, die ich so auch noch nicht oft gelesen habe. Auch Rufus’ Aggressionsprobleme und wie er unter anderem durch Therapie gelernt hat mit ihnen umzugehen fand ich spannend und authentisch geschildert. Seine Beziehung zu seiner Mutter und zu seinen Freund.innen fand ich auch toll, auch, wenn mir diese Figuren ein bisschen zu wenig vorkamen.

Wie von Caleb Roehrig gewohnt gelingt es ihm auch hier wieder Rufus’ Probleme als schwuler Junge in einer amerikanischen Kleinstadt einfühlsam und authentisch darzustellen. Rufus hat ein Zwangsouting erlebt und der Autor legt verständlich dar, warum das niemals okay ist. Toll fand ich auch, dass es als völlig okay und normal gezeigt wird, dass Rufus’ Love Interest Sebastian sich nicht sicher ist, welches Label er möchte und, dass Rufus versteht, warum er sich noch nicht outen möchte und ihn zu nichts drängt. Das war schön gemacht. Aber…

UNGESUNDE BEZIEHUNGEN & KLISCHEES

Darüber hinaus fand ich die Beziehung zwischen Sebastian und Rufus leider überhaupt nicht gelungen, denn sie ist vollkommen unausgeglichen: Sebastian ist der beliebte Sportler, Rufus ist der gemobbte Nerd und Sebastian tut nichts dagegen, dass seine Freund.innen so mit Rufus umgehen und behauptet später, er hätte das gar nicht bemerkt. Ja, lol. Hinzu kommt, dass Rufus’ Abhängigkeit von Sebastian extrem ungesund ist und ich gehofft hatte, sowas im Jahr 2019 im Jugendbuch nicht mehr lesen zu müssen. Wir waren schonmal einen Schritt weiter.

Hier sind zwei 16-jährige, die mal vier Monate zusammen waren und Rufus redet davon, dass er vor Sebastian gar kein Leben hatte und nur als Sebastians Freund die beste Version von sich selbst sein kann. Alarm. Glocken. Anstatt die Trennung zu verarbeiten, verbringt Rufus dann einen Monat damit, sich einen Rachekörper anzutrainieren, damit Sebastian ihn heiß findet und bereut ihn verlassen zu haben und, als Sebastian ihn dann endlich wieder beachtet, sagt Rufus er könne erst jetzt wieder frei atmen. Das ist so heftig ungesund und keine Art von Beziehung, die im Jugendbuch romantisiert werden sollte.

Es wird dadurch noch viel schlimmer, dass Sebastian leider durch und durch eine unsympathische Nuss ist, der nicht nur mit Rufus spielt und ihn manipuliert, sondern auch mit seiner Exfreundin Lia. Sebastian ist mit Lia zusammen, macht für Rufus mit ihr Schluss – und ghostet Rufus dann nach vier Monaten. Rufus hört dann von jemand anderem, dass Sebastian wieder mit Lia zusammen ist. Als Lia genug von ihm hat, trabt er zurück zu Rufus… Ich meine, hallo? Wieso versucht der Autor mir zu verkaufen, dass das zwischen Sebastian und Rufus Liebe ist? Sebastian ist einfach ein Player, der weder Rufus noch Lia verdient hat, ist so.

Leider spielt Sebastian auch voll in das Klischee des Polysexuellen, der sich “nicht entscheiden” kann und seine romantischen Partner.innen manipuliert und schlecht behandelt hinein, auch, wenn seine Sexualität nicht gelabelt wird. Natürlich kommt dann der unvermeidliche “Ich hab’s nur gemacht, weil ich Angst vor meinem Outing habe”-Moment und das ist einerseits natürlich verständlich, andererseits aber keine Entschuldigung dafür, wie Sebastian sich verhalten hat und, dass Rufus ihm einfach verzeiht und alles wieder voll romantisch und toll ist, fand ich im Jugendbuch einfach unverantwortlich. Niemand muss sich so behandeln lassen.

ROMANTIK MIT LEICHE

Mein größtes Problem mit “Keiner sagt die Wahrheit” ist jedoch, dass der Fokus irgendwie unglücklich liegt. Eigentlich sollte das hier ein Thriller sein, in dem eine Gruppe 16-jährige den Mörder von Aprils (Rufus’ Halbschwester) Freund Fox finden muss, um zu beweisen, dass April unschuldig ist. Ich wollte spannende Twists, dunkle Geheimnisse und Abgründe und Action, wie Caleb Roehrig sie in “Niemand wird sie finden” geliefert hat… Die gibt es hier auch, aber es kommt alles viel zu kurz, weil er das Liebesdrama zwischen Rufus und Sebastian in den Mittelpunkt rückt.

Da kommen die beiden im abgelegenen Waldhaus von Fox’ Familie an und finden April blutüberströmt über Fox’ Leiche gebeugt und anstatt, ich weiß nicht, auszuflippen, fragt Rufus sich ernsthaft ob Sebastian ihn heiß findet, weil er trainiert hat. Ich glaube im Moment nicht, denn da liegt eine Leiche, mein Dude. So geht das auch weiter. In den unpassendsten Momenten gibt es Flashbacks zu Rufus und Sebastians Kennenlernen und ihrer Beziehung. Ständig kreisen Rufus’ Gedanken um Sebastian, während seine Schwester unter Mordverdacht steht, ein Jugendlicher tot ist und der Mörder gefunden werden muss.

Hier passen Liebesgeschichte und Thriller einfach überhaupt nicht zusammen und wirken deshalb mit Macht ineinander geschoben. Ein bisschen liest sich “Keiner sagt die Wahrheit”, als hätte Roehrig sich nicht entscheiden können, ob er eine dramatische Contemporary-Liebesgeschichte schreiben möchte, oder einen düsteren Thriller. Beides hätte toll werden können, funktioniert aber nicht so zusammengeschustert, sodass beide Plots nicht genug Raum kriegen, um sich richtig zu entfalten und zu wirken.

ATEMLOS DURCH DIE NACHT ( SORRY)

Am Ende ist “Keiner sagt die Wahrheit” dann auch viel mehr Hin und Her zwischen Rufus und Sebastian und Liebesgeschichte, der Thriller läuft irgendwo nebenbei manchmal am Autofenster vorbei und winkt – Denn ja, der Großteil dieses Buchs spielt im Auto. Die Handlung umfasst genau eine Sommernacht, die Rufus und Sebastian damit verbringen von einem Verdächtigen zum nächsten zu fahren, Antworten zu bekommen oder angelogen zu werden und mit diesen Ergebnissen wieder weiterzufahren und das 400 Seiten lang. Es war ermüdend, wiederholend und einfach nicht besonders spannend.

In der ersten Hälfte hat das für mich noch funktioniert, da noch andere Dinge mit hineinspielten: Zum Beispiel die Geldsorgen von Rufus’ Mutter und die Familie Covington, die Rufus das Leben schwer macht. Das alles fällt dann aber mehr oder minder weg und der Roman verliert sich komplett und wiederholt immer dasselbe Schema: “Hey, xy muss der Mörder sein! Lass uns losfahren und ihn konfrontieren!… Oh, er war es nicht. Hey, yz muss die Mörderin sein! Lass uns losfahren und sie konfrontieren!” Rinse, repeat, bis Rufus und Sebastian dann aus Zufall die richtige Person erwischen.

Die Ermittlungen der beiden waren sowieso eine reine Freude, denn sie ergeben überhaupt keinen Sinn. Erstmal fahren die beiden in, wie mehrmals erwähnt wird, mit Fox’ Blut beschmierten Sachen los um Fox’ Freund.innen zu befragen und niemand – nicht die Freund.innen, nicht einmal die Polizei – sagt mal: “Hey, wieso hast du da so viel Blut auf deiner Kleidung?” Klaro. Generell ist Rufus eine Pflaume. Als April ihm 2k Dollar anbietet, damit er ihr hilft und diese aus der Tasche ihres toten Freundes zaubert, nimmt er das Geld einfach an, während man als Leser.innen drei Meilen gegen den Wind sieht, dass da was nicht stimmt.

IST MIR EIGENTLICH EGAL, WER’S WAR

Die Auflösung hat mich dann auch leider kalt gelassen. Ja, es gibt einige spannende Twists und Geheimnisse, aber die haben nicht gezogen, weil ich die verwickelten Personen kaum kennenlernen durfte. Ich kannte Rufus und Sebastian, April ein bisschen, aber alle anderen? Peyton, Race, Arlo, Lia, wie sie alle heißen, hatten keinerlei Charaktereigenschaften und man wusste nur eins über sie: Sie haben Rufus immer gemobbt. Deshalb waren sie mir sowas von egal und ihre Streitereien untereinander, die Motive, die alle hatten um Fox zu töten, haben mich nicht interessiert, denn ich kannte diese Leute gar nicht, sie waren nur Namen.

Dass ich das Buch nicht aus der Hand legen konnte liegt daher auch vor allem am tollen, atmosphärischen Schreibstil des Autors, der Rufus eine unverwechselbare Stimme gibt. Und natürlich an Rufus als Figur selbst, da ich ihn sehr mochte. Auch April und ihre Geheimnisse fand ich spannend und ich hätte mir gewünscht, dass sie öfter vorgekommen wäre. Von der Liebesgeschichte, die viel Raum einnimmt, war ich hingegen gar nicht begeistert, da hier einmal mehr eine ungesunde Beziehung romantisiert wird, und der Thriller selbst hatte zwar viele spannende Ansätze, konnte mich wegen der Umsetzung aber leider nicht wirklich überzeugen.

Am Ende rechne ich dem Buch hoch an, dass es ein YA-Thriller mit queeren Hauptfiguren ist, der queere Themen verständlich und sensibel behandelt. Ich würde auch niemandem, der sich für das Buch interessiert, davon abraten, schon allein, weil wir so wenige Bücher mit queeren Held.innen auf deutsch haben. Als Thriller und Contemporary-Liebesgeschichte für zwischendurch funktioniert “Keiner sagt die Wahrheit”, wenn man die ungesunden Elemente dieser “Romanze” ausblendet. An sein Debüt “Niemand wird sie finden” kommt dieser zweite Roman von Caleb Roehrig aber einfach nicht heran.


Keiner sagt die Wahrheit | cbj, 2019 | 978-3-570-31271-1 | 400 Seiten | deutsch | Übersetzerinnen: Heide Horn, Christa Prummer-Lehmair | Amerikanische OA: White Rabbit, 2018

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